Hat die klassische Betriebswirtschaftslehre versagt?

Hat die klassische Betriebswirtschaftslehre versagt?

Hat die klassische Betriebswirtschaftslehre versagt? Oder stimmt unser Führungs- und Management-Verständnis, aber wir wenden es nur nicht „richtig“ an – wir müssen nachbessern, ergänzende Tools entwickeln, „mehr dessen“ tun?

1. Es lebe der Taylorismus! Oder?
Die Erfahrung der vergangenen 50 Jahre hat uns gezeigt, dass wir trotz aller Optimierungen unserer guten alten Betriebswirtschaftslehre den Turnaround nicht geschafft haben:
Es fehlen da und dort die Ergebnisse. In der Folge gehen Unternehmen und ganze Branchen in Konkurs. Und es werden noch mehr werden.
Warum? Aus meiner Sicht besteht eine zentrale Erklärung in unserem Führungs- und Management-Verständnis. Wir sind immer noch (immer noch!) mitten im Taylorismus. Wir haben nie aufgehört, im Taylorismus zu sein. Und was das Schlimmste aus meiner Sicht ist: Offensichtlich will sich niemand meiner Kollegen mit der Aufhebung der Prämissen rund um unser Grundverständnis des Wirtschaftens beschäftigen. Das ist schade. Sehr schade. Denn wenn wir in einer Sackgasse unterwegs sind, nutzt es uns nicht, den Randstein mit Blümchen zu behübschen. Dann sollten wir umdrehen und einen neuen Weg wählen. Das sind wir unserem Leben schuldig.
 

2. Taylorismus: Ein tolles Konzept – allerdings für das letzte
Jahrhundert.
Zu einer Zeit, als das tayloristische Denken (Taylor, 1912; 2004) erfunden wurde, war die Welt noch in Ordnung: Es ging darum, industrielle Produkte möglichst kostengünstig herzustellen. Der Fokus war dabei auf der Herstellung – ein faszinierendes Prozesserlebnis, das bis ins Detail gestaltet und optimiert wurde. Gedacht werden musste dabei auf einer ausführenden Ebene nicht; nein, vielmehr sollte gar nicht gedacht werden.
Und so wurde eine Aufbau- und Ablauforganisation sowie ein Führungs- und Managementverständnis geschaffen, die für die damaligen Verhältnisse – lokaler Wirkungsradius, stabile Märkte, langfristige Veränderungswellen – durchaus passend und ausreichend war. Und nicht zuletzt war dieser Management-Ansatz eine logische Weiterführung des Denkens jener protestantisch-schottischen Familien, die um 1870 nach Pennsylvania kamen und sich dort niederließen (Wetzel, 2015). Unser Management-Denken, das vollständig auf Planung und Kontrolle aufbaut (Wetzel, 2015) ist unverrückbar gleich geblieben.
 

3. Und der Taylorismus feiert weiter… bis zum Morgengrauen
Allerdings hat sich unsere Welt in den vergangenen hundert Jahren erheblich verändert. Macht aber nichts, denn an den Universitäten, in den Unternehmen und in den Betriebswirtschaftslehre-Büchern feiert der Taylorismus weiterhin lautstark seinen Erfolg. Und so hat sich ein gewisser Automatismus rund um das „Scientific Management“, die Prozesssteuerung von Arbeitsabläufen, entwickelt, aus dem wir mit unserem Denken gar nicht mehr herauskommen: Begriffe wie „hierarchische Führung“, „Trennung von Planung und Ausführung“, „präzise Ausführungsanleitungen“ sowie „Geld als Motivationsfaktor“ sind für uns so selbstverständlich geworden, dass wir ohne sie gar nicht mehr auszukommen glauben.
Das Management Board legt „Ziele“ fest, macht fröhlich Strategien und Budgets, gestaltet Prozesse und greift unbeschwert über mehrere Hierarchieebenen auf alle Mitarbeiter zu, um ihnen diese oder jene Aufgabe zu geben oder Prozessverantwortungen zu übertragen, „konstruktives Feedback“ zu geben und jährlich das Mitarbeitergespräch zu absolvieren und die Boni auszuzahlen.
Kommt Ihnen das alles bekannt vor?
 
 

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