Sind Frauen oder Männer die besseren Führungskräfte?

Sind Frauen oder Männer die besseren Führungskräfte?

Foto: M.E. / pixelio.de
Eine Frage, die uns seit Jahrzehnten beschäftigt. Sonja Radatz hat dazu eine überraschende Antwort: Weder noch. Sie ersetzt die Begriffe „weiblich“ und „männlich“ durch die von Humberto Maturana geprägten Begriffe „matristisch“ und „patriarchal“ – und stellt in ihrer Coaching- und Weiterbildungspraxis fest: Frauen können sehr patriarchal führen – ja, die meisten „erfolgreichen“ Frauen führen patriarchal! – und Männer können auch matristisch führen. Gefragt, ob matristische oder patriarchale Führung erfolgreicher ist, meint sie: Kommt darauf an. Worauf?

Bereits vor fast 20 Jahren hat mein Gespräch mit Humberto Maturana in der Frage gemündet, welche Führung denn nun besser ist: Die weibliche oder die männliche? Ich erinnere mich noch gut daran, dass Humberto mir in diesem Zusammenhang über sein kurz zuvor abgeschlossenes Buchprojekt mit Gerda Verden-Zöller erzählt hat (Maturana und Verden-Zöller, 1997). Darin nimmt er bewusst Abschied von der „männlichen“ vs. „weiblichen“ Führung und ersetzt sie durch patriarchale vs. matristische Führung.

 

1. Patriarchale Führung – matristische Führung: Wo liegt der Unterschied?

Humberto Maturanas Erkenntnis ist: Männer können durchaus auch matristisch führen, während sehr viele Frauen – gerade in den höheren Ebenen – patriarchal führen. Diese Erkenntnis hatte ich auch in den Unternehmen, die ich begleite. Die Unterscheidung finden Sie in der Abbildung 1.

 

Abbildung 1: Patriarchale vs. matristische Führung

Quelle: Sonja Radatz nach Maturana und Verden-Zöller, 1997


2. Patriarchale oder matristische Unternehmenskultur?

Was ist nun „besser“ – die patriarchale oder die matristische Unternehmenskultur?
Nun, meiner Erfahrung in der Beratung von Unternehmen nach kommt es wie sehr häufig „darauf an“: Was ist das aktuelle Thema des Unternehmens? Bzw. was ist das generelle Thema des Unternehmens?
Unternehmen, die ihren Erfolgsdreh weitgehend für sich geschaffen haben und darin einfach nur „besser“ werden wollen, wie z.B. Google oder Apple, Automobilunternehmen oder viele andere Produktionsunternehmen, sind wahrscheinlich mit der patriarchalen Führung gut bedient. Andere Unternehmen, vor allem Unternehmen, die sehr flexibel agieren müssen und laufend (auch disruptive) Veränderungen vornehmen müssen, um am Markt zu überleben, werden wohl eher matristisch führen müssen – denn dort geht es nicht um ein „Besser“, sondern um ein immer neues „Anders“.
Meine Erfahrung ist nämlich – und deshalb halte ich es für so wichtig, die Führungskultur bewusst entlang der Unternehmensvision auszurichten und die Führungskräfte nicht einfach in „Leadership“ auszubilden – dass die Führung eine Unternehmenskultur erzeugt bzw. weitgehend prägt, wie wir in der folgenden Abbildung sehen.

 

 

Während in einer grundsätzlich matristisch geprägten Kultur eine kontinuierliche Suche nach Neuem, aktuell Passendem besteht (was viel Loslassens und Neuorientierung bedarf), wird in einer grundsätzlich patriarchalen Kultur das Bestehende technisch verfeinert, verbessert, schneller oder kostengünstiger hergestellt. Loslassen ist dort eher ein Fremdwort – denn es geht grundsätzlich um ein Mehr desselben.

 

3. Neuausrichtung der Leadership-Weiterbildung
Die Problematik, die ich heute insbesondere erlebe, ist, dass wir weltweit immer mehr von einer Produktions- zu einer Handlungs- und Dienstleistungsstruktur übergehen – was den Austausch der patriarchalen in Richtung einer matristischen Kultur und Führung erfordert. Oder anders formuliert: Die patriarchale Führung schafft nicht, was in den kommenden Jahren in vielen Bereichen – bei weitem nicht allen!) – gebraucht wird. Ich merke das daran, dass ich mehr und mehr in sehr spezifische Inhouse-Führungskultur-Weiterbildungsreihen eingeladen werde, wo es darum geht, die matristische Seite des Unternehmens zu gestalten und auszubauen. 
Hier erlebe ich in fast allen Branchen, dass wir es mit 2 Herausforderungen zu tun haben: 
 
  1. Das Unternehmen hat sich noch nicht bewusst ausgerichtet: Bevor wir mit der Leadership-Weiterbildung starten, erarbeiten wir zunächst, wie sich das Unternehmen überhaupt sieht und welchen Weg es in Zukunft einschlagen will.
  2. Es gibt nur wenige Führungskräfte, die matristisch führen können (und ebenso wenige, die es wollen – weil mit „Führung“ eben bislang meist die patriarchale Führung gemeint war)
 
Ich mache aber auch eine interessante positive Erfahrung: Gerade jene Frauen, die bislang Führungspositionen abgelehnt haben, weil sie keinen Sinn darin gesehen haben, in das patriarchale Karussell einzusteigen, finden sich in der matristischen Führung wieder. Das könnte dazu führen, dass das Führungspotenzial eines Unternehmens steigt, wenn die matristische Führung Platz greift. 
 
 
Literatur
Maturana, H. R. und Verder-Zöllern, H. (1997): Liebe und Spiel. Die vergessenen Grundlagen des Menschseins. Heidelberg: 1997.
Radatz, S. (2013): Relationales Mitarbeitercoaching und Mitarbeiterbegleitung. Wien: 2013.
Radatz, S. (2018): Einfach beraten. Wien: 2018.
 
 
Dr. Sonja Radatz 
gilt als internationale Pionierin im Coaching. Die Bestseller-Autorin von 19 Büchern (zuletzt „Einfach beraten“) und Herausgeberin der Zeitschrift LO Lernende Organisation begründete den Relationalen Ansatz, begleitet mit ihrem Beratungsinstitut IRBW (Wien, Schloss Schönbrunn) viele namhafte Unternehmen durch disruptive Changes und ist gefragte Keynote-Speakerin an Kongressen sowie Gastautorin an mehreren Universitäten. 
Dr. Sonja Radatz baute das Konzept der matristischen vs. patriarchalen Führung in ihre Relationale Leadership-Weiterbildungen inhouse und am IRBW ein und begleitet Unternehmen und Führungskräfte damit auf ihrem innovativen Erfolgsweg.
2003 wurde ihr der Deutsche Preis für Gesellschafts- und Organisationskybernetik für ihr Lebenswerk verliehen. www.irbw.net, s.radatz@irbw.net, +43 699 11 45 48 04.
 
 
 

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